Ein eingespieltes Team

Soviel dazu, wie es dazu kam, dass ich meine erst 53 Jahre alte Mutter mit selbst gerade einmal 23 Jahren pflegte.
Natürlich gibt es Pflegerinnen, die noch jünger sind als ich, allerdings ist es schon etwas anderes, wenn es sich bei der zu betreuenden Person um die eigene Mutter handelt, die bis vor 1 1/2 Monaten noch fit war, am Leben teilnahm, mit ihrem Hund gassi ging, den Haushalt schmiss, nähte, sich in ihrer neuen Wohnung einrichtete und sich freute, dass meine Tante genau gegenüber wohnt.
Ich weiß noch, wie meine Schwester zwei Wochen auf Klassenfahrt in Polen war und ich aus meiner WG zu Mama geflohen bin. Sie hat sich riesig gefreut mich bei sich zu haben. Meine Schwester hatte eine Ausbildung in Aussicht und plante ihren Auszug, so dass wir direkten sagten, ich würde mir bis dahin einen Nachmieter suchen und in Lenas (meine Schwester) Zimmer ziehen.
Als meine Mutter Ende Juni ins Krankenhaus kam, hatte Lena bereits angefangen in ihrem Ausbildungsbetrieb zu arbeiten. Da wir zusammen fünf Tiere und einen Haushalt hatten, um die sich gekümmert werden musste, zog ich erst einmal vorübergehend in die Wohnung meiner Mutter und schlief auf der Couch. Ich ging für meine Mutter zur Arbeit (eine flexible Putzstelle) und kümmerte mich um alles, auch die Koordination der Besuche meiner fürsorglichen Verwandtschaft im Krankenhaus. Noch gingen wir alle davon aus, dass Mama bald wieder nach hause und auf die Beine kommen würde. Dann allerdings gingen die Nähte immer wieder auf, so das jedes Mal eine Not-OP eingeleitet werden musste.
Von da an sahen wir meiner Mutter förmlich beim Sterben zu. Sie konnte keine feste Nahrung zu sich nehmen, meist nur Wasser und zwischendurch Bonbons. Dadurch, dass ihr Magen "undicht" war, musste sie fast die ganze Zeit eine Magensonde tragen, auch, als sie bereits zuhause war.

Ich habe am 30. August Geburtstag. Das war ein Datum, an dem meine Mutter festmachte, auf eigenem Wunsch und Gefahr aus dem Krankenhaus nach hause zu kommen.
Wir leiteten alles in die Wege; Krankenbett, Nachttisch, Toilettenstuhl, Rollator, Rollstuhl, Ambulante Pflegekräfte.
Für die ganze Familie war klar, dass ein Hospiz, das meiner Mutter bereits im Krankenhaus nahe gelegt wurde (zu unserer Bestürzung), niemals infrage kam. Wir würden sie zuhause pflegen, in gewohnter Umgebung, in ihrem Wohnzimmer, mit ihren beiden Töchtern und ihren geliebten Tieren um sich.
Meine Tante flößte mir ungeheure Angst ein;
Ich müsse mich darauf einstellen, jetzt so schnell nicht mehr ausgehen zu können, geschweige denn über Nacht zu meinem Freund zu verschwinden. Und da ich in der Zeit, wie ein Parasit im Zimmer meiner Schwester nächtigte, kam Männerbesuch die meiste Zeit auch nicht infrage. Ich müsse mich rund um die Uhr um meine Mutter kümmern und dürfe sie nie aus den Augen lassen.
Ich muss dazu sagen, dass meine Tante einen Hang zur Übertreibung besitzt.Ich sah meine Beziehung den Bach runtergehen. Und so dramatisch, wie sie es ausdrückte, auch meine Freiheit als junger Mensch, der auch mal ausgehen möchte. Ich hatte zwar gesagt, natürlich kommt meine Mutter zu uns nach hause und sie wird hier gepflegt, doch ich wurde von niemandem gefragt, ob ich die ganze Verantwortung auch alleine tragen könne.
Ich bekam Panik.

21.12.15 22:17

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen