Ein eingespieltes Team ii

Die Panik war fast unbegründet, wie sich zum Glück herausstellte.
Meine Familie lief wie eine geölte Maschine und ein Zahnrad giff ins andere.
Ich könnte nicht sagen, wer mir am meisten half.
Meine 19 jährige Schwester brachte es fertig, mir neben Schule, Ausbildung und Freund noch bei der Pflege und Betreuung meiner Mutter zu helfen.
Mein Bruder (31) kümmerte sich um alle Papier-Angelegenheiten, meine Tante kam jeden Tag zu uns rüber und hatte zumindest zu Anfang die Fäden der Ambulanten Pflege in der Hand, mein Opa holte mich immer zum Einkaufen ab (ich habe keinen Führerschein) und unterstützte uns auch sonst, wo er nur konnte. Mein Freund half ebenfalls, wo er nur konnte. Er übernahm die Gänge mit dem Hund, er half im Haushalt und war mein absoluter Fels in der Brandung, wenn es mich überkam und ich Halt brauchte.
Mit der Beziehung ist also immer noch alles in bester Ordnung. Mehr noch; die harte Zeit hat mir/uns nur gezeigt, dass wir auch zu so schwerer Stunde einander beistehen und unterstützend können.
Wir alle zusammen bildeten ein ausgezeichnet eingespieltes Team. Die Ambulanz war immer wieder von neuem überrascht, wie organisiert wir waren und wie sehr wir alle einander stützten.
Meine Mutter lud allerdings auch zu Überraschungen ein;
Kaum zuhause fing sie an sich zu erholen. Sie fing an mit dem Rollator durch die Gegend zu laufen. Sie weigerte sich, tagsüber auf den Toilettenstuhl zu gehen, der immer parat neben ihrem Bett stand. Sie sagte, der Stuhl sei nur die Notlösung für die Nacht.
Irgendwann wachten meine Schwester und ich morgens auf und hörten den Wasserkocher in der Küche und die Badezimmertür klappen. Wir sprangen auf, um zu sehen was los war - meine Mutter hatte sich bereits ihren Kaffee und ein Stückchen Brot gemacht.
Als wir der Pflegerin davon erzählten, war sie ganz aus dem Häuschen.
Einige Wochen später sollte sich dann auch herausstellen, warum sie so überrascht war.
Die Löcher im Bauch meiner Mutter kamen und gingen. Mal verheilte eines, dann ging das andere wieder auf. Mittlerweile hatte ich auch keinerlei Berührungsängste mehr. Ich hatte mich sehr schnell auf die neue Situation eingestellt.
Ich muss mir eingestehen auch ziemlich abgebrüht zu sein. Ich finde Medizin und den menschlichen Körper sehr interessant und ich konnte in der Zeit viel lernen.
Da meine Mutter eben diese vielen kleinen Wunden hatte, musste sie mehrere sogenannte "Platten" tragen. Diese dienen der Befestigung von Drainagen und Stomabeuteln. Die Platten überschnitten sich oft und die Pflegekräfte hatten wahre Not, sich immer wieder eine neue Technik auszudenken, wie sie die Wunden versorgen konnten, ohne dass meine Mutter wenige Zeit später "Leck schlagen" würde.
Wir nannten es tatsächlich liebevoll "Leck", wenn Die Platten und Mullbinden meiner Mutter durchlässig wurden und wir sie abkleben mussten.
Ich war nach kurzer Zeit eine wahre Meisterin darin, den Bauch meiner Mutter mit einer dünnen Klebefolie so zu pflastern, dass auch wirklich nichts durchkam.
So war ich also tatsächlich langsam in die Pflege eingestiegen. Ich hatte keine Panik mehr, ich funktionierte nur noch, half wo ich konnte und war immer da.

21.12.15 22:47

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